Träume

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Neuer Körper

Der Raum ist dunkel. Ich kann fast nichts erkennen. Ich starre ins Dunkle. Erkenne schemenhaft Umrisse und versuche ihnen eine Bedeutung zu geben. Aber es gelingt mir nicht. Ich fühle mich nicht wohl. Ein eigenartiges Gefühl. Als Kind hatte ich das öfter. Irgendwas an der Umgebung war damals fremd. Vielleicht war es auch die Stimmung. Ich konnte das Gefühl schon damals nicht beschreiben. Manchmal war die Ursache ein unbekannter Ort. Ohne Eltern. Damals tauchte es meistens völlig unverhofft auf. Völlig aus dem nichts und ohne jeden Grund. Ich konnte auch nichts dagegen tun. Ich fühlte mich einfach nicht wohl. So plötzlich wie das Gefühl kam, verschwand es auch wieder. Doch es ist da und es fühlt sich nicht an als ob es sehr bald wieder verschwinden würde. Das Gefühl ähnelt dem, das ich als Kind empfand, ist jedoch stärker. Intensiver. Macht mir Angst. Ich bin es nicht, der sich unwohl fühlt. Aber ich bin auch nicht ich selbst. Es kitzelt mich. Aber ich kann nicht ausmachen wo. Das kitzeln wandert durch meine Venen. So schnell, dass es fast überall zur gleichen Zeit zu spüren ist. Meine Hände kribbeln. Ich warte. Ich versuch mich zu erinnern, aus was ich warte. Auch weiß ich nicht wie lange ich bereits warte. Es muss schon sehr lange sein. So fühlt es sich an. Jahre. Etwa um die sieben Jahre. Nicht in an diesem Ort. Nicht in diesem Raum aber hier wird es mir erst deutlich. In diesem dunklen Raum. Irgendwo. Ein Fenster sehe nicht. Ich warte auf keine Person. Das weiß ich. Ich warte auf mich. Auf meinen Körper. Auf ein Zeichen. Auf ein Gefühl. Ein Gefühl, das mir sagt, dass ich noch derselbe bin. Ich bin ich. Aber nur zu einem gewissen Teil. Ein Symptom. Ich warte auf ein Symptom. Das ist es. Seit sieben Jahren warte ich auf dieses Symptom. Ohne zu wissen, welches. Aber es ist wichtig. Ich setze langsam einen Fuß vor den anderen. Die Arme ausgestreckt. Ertaste die Gegenstände im Raum. Aber die Formen ergeben keinen Sinn. Sie sind nicht einzuordnen. Plötzlich endet der Raum. Meine Finger stoßen auf eine glatte, kalte Fläche. Ich kann etwas besser sehen. Dort ist jemand. Direkt vor mir. Ich versuche diesen jemand zu berühren doch meine Hände stoßen wieder auf die kalte Fläche. Es ist ein Spiegel. Aber ich erkenne mich nicht. Meine Nase ist viel Größer. Ich bewege meinen Kopf in verschiedene Richtungen und wende meinen Blick nicht von der Fratze ab. Die Bewegungen sind simultan. Ich bin Nackt. Berühre mein Gesicht. Es ist rau, die Wangen kantig. Ich bekomme Angst. Gehe einen Schritt zurück. Es kann nicht sein, dass ich das bin. Dort im Spiegel. Aber es bin ja ich, der das denkt. Nur diese Fratze, dieser Körper. Das bin ich nicht. Ich kenne meinen Körper. Er kann es nicht sein. Das was ich dort vor mir sehe ist nicht mein Körper. Ich suche meinen Körper unter meiner Haut. Unter der Haut. Aber er ist weg. Meine Gedanken überschlagen sich. Auf einmal begreife ich. Es gab da einen Austausch. Vor sieben Jahren. Deshalb kam das Symptom nicht, dass ich das letzte mal vor so langer zeit gespürt hatte. Ich weiß, dass es einen Grund für diesen Austausch gab. Einen Grund für den neuen Körper, den ich nun habe. Ich denke nach. Versuche mich zu erinnern. Aber es gelingt mir nicht.

Neuer Koerper from Anselm Hirschhäuser on Vimeo.

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Ins Tiefe

Manchmal berührt mein Körper den Grund. Immer dann, wenn ich meine Beine anhebe und auf meine Zehen sehe, die dann senkrecht aus dem Wasser ragen. Der Grund ist steinig. Ein wenig glitschig vielleicht. Um mich herum höre ich den Wind, der das Schilf gleichmäßig zusammendrückt. So dicht, dass sich eine U-förmige Wand um mich herum bildet. Durch die offene Seite kann ich weit auf das Wasser hinaus sehen. Der Himmel ist kalt. Ein kaltes Blau ohne Wolken. Aber es ist endlich Sommer und das Wasser ist schon warm. Besonders hier, wo es seicht ist. Vielleicht ist das noch der Winterhimmel dort oben, der einfach nicht verschwinden will. Über mir kreisen ein paar Vögel. Es sieht nicht aus als hätten sie ein Ziel. Eher als würden sie mich von da oben beobachten. Auf etwas warten. Auf den richtigen Zeitpunkt, vielleicht. Ich kann sie hören. Doch zu welcher Art sie gehören weiß ich nicht. Dafür fliegen sie zu hoch. Außerdem habe ich keine Ahnung von Vögeln. Woher soll ich also wissen, was die da oben tun. Ich bezweifle, dass sie mich zur Kenntnis nehmen. Ich hole tief Luft, damit ich voll und ganz an der Oberfläche treibe und strecke mich aus, so dass meine Ohren unter Wasser sind. Es ist ruhig. Ich kann mir nur selbst beim Atmen zuhören. Der Versuch leiser zu atmen misslingt mir. Irgendetwas berührt meine Schulter. Es ist eine Alge. Oder zumindest so etwas in der Art. Ein Daumennagel großes Bällchen. Hellgrün und glibberig. Das Ding erinnert mich an meine Kindheit als ich einige dieser Algen in einem Eimer sammelte und meine kleine Schwester damit bewarf. Ich kann mich erinnern, dass es mich Überwindung kostete, die grünen Bällchen anzufassen. Aber meine Schwester damit zu ärgern machte einfach zu großen Spaß. Ich schlage kleine Wellen, damit der Knödel von mir weg treibt. Dabei fällt mein Blick auf das Ufer und ich bemerke den grünen Teppich aus Algen, der sich langsam in meine Richtung ausbreitet. Der Gedanke daran, später hindurch warten zu müssen widert mich an. Als ich hinaus auf das Wasser sehe, bemerke ich, dass ich nicht alleine bin. Eine Frau steht dort. Das Wasser reicht ihr in etwas bis zur Hüfte. Ich kann die hälfte ihres Hinterns sehen. Und ihren makellosen Rücken. Ihr Gesicht sehe ich nicht aber ich weiß, dass sie wunderschön ist. Ich richte mich auf. Sitze nun auf dem steinigen Grund und betrachte sie lange. Wie sie dort einfach nur steht. Sich nicht bewegt. Doch nun dreht sie ihren Oberkörper leicht zu mir und sieht mich an. So als hat ob sie nur auf den richtigen Moment gewartet hat um mich mit ihren Augen zu fixieren. Ich weiß, dass sie es spürte. Meine Blicke, die über ihren rücken wanderten. Sie lächelt und hebt ihren Arm. Nur ein wenig. Durch eine sehr ruhige und bedachte Bewegung ihrer Hand signalisiert sie mir, dass ich zu ihr kommen soll. Ich zögere. Habe ein wenig Angst. Bin neugierig. Ich stütze mich mit einem Arm ab um aufstehen zu können. Die Steine bohren sich unter dem Druck meines Körpers in meine Handflächen. Sobald mein Körper das Wasser verlässt fühle ich mich schwer. Ich weiß nicht wie lange ich da im Wasser vor mich hin trieb aber es fühlt sich an als seien Stunden vergangen. Als hätte ich ein paar Jahre in der Schwerelosigkeit verbracht. Ich stehe nun knietief im Wasser und sehne mich nach der wohlig warmen Leichtigkeit, die ich empfunden hatte und denke darüber nach mich ihr wieder hinzugeben, verwerfe den Gedanken jedoch sofort wieder. Als ich an mir hinunter sehe, bemerke ich, dass ich nackt bin. Aber das stört mich nicht. Ganz im Gegenteil. Allein eine Badehose würde meinen Körper noch schwerer machen. Sie hat sich mittlerweile von mir abgewendet und bewegt sich langsam weiter auf das Wasser hinaus. Ich setze einen Fuß vor den andern. Der steinige Boden macht es mir schwer das Gleichgewicht zu halten. Das Wasser drückt bei Schritt gegen meine Schienbeine. Umso tiefer es wird, desto mehr muss ich mich anstrengen um voran zu kommen. Aber ich fühle mich besser. Es fühlt sich gut am meinen Körper zu spüren. Ich habe sie fast eingeholt. Der Grund wird sandig. Das Wasser steht mir bis zum Kinn. Keine Steine mehr. Nur noch wenige Meter und ich werde sie berühren können. Ich sehne mich danach. Sie zu berühren. Ich schwimme. Meine Füße können den Boden nicht mehr berühren.

Ins Tiefe from Anselm Hirschhäuser on Vimeo.

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Reparatur

Sie funktioniert nicht. Die Rechte. Nicht, dass sie sich gar nicht mehr bewegen wollte oder nur schlaff herunter hängt. Sie tut einfach nicht das Richtige. Nicht das, was ich will. Ich konzentriere mich. Strenge mich an. Aber da war nichts zu machen. Meine Rechte Hand ist kaputt. Ich überlege. Ich bin ja schließlich auf sie angewiesen. Ohne sie bin ich nichts. Die Linke funktioniert zwar einwandfrei aber ich bin Rechtshänder. Ich betrachte sie. Ein sehr merkwürdiges Gefühl. Sie gehört zu mir. Zu meinem Körper. Aber es scheint fast als sei es nicht meine Hand. Obwohl sie noch mit meinem Körper verbunden ist und ich sogar spüren kann, dass sie da ist, gehört sie nicht zu mir. Ich verlasse den Schreibtisch und gehe zum Bücherregal. Das Branchenbuch. Ich ziehe es heraus, lege es auf den Schreibtisch und schlage es auf. R. R wie Reparatur. Eine kleine Anzeige fällt mir ins Auge. Reparaturen aller Art. Ich verzichte auf einen Anruf und mache mich gleich auf den Weg. Der Laden ist ohnehin gleich um die Ecke. Als ich das Geschäft betrete, muss ich die Augen zusammen kneifen. Der Dunst etlicher Zigaretten steht in der Luft. Ich blinzle. Der Laden ist klein. Außer mir ist kein Kunde in dem Raum. Ein Radio läuft. Ich kann eine grobe Richtung ausmachen aus der die Musik kommt, sehe das Radio jedoch nirgendwo. Überall stehen Einzelteile herum. Ich weiß nicht zu welchen Geräten sie gehören. Aber es müssen sowohl elektronische als auch mechanische sein. Auch die Regale sind bis obenhin damit voll gestopft. Auch ein paar menschliche Gliedmaßen befinden sich darunter. Der Boden ist schmutzig. Am anderen Ende des Raums steht ein Schreibtisch. Dahinter sitzt ein Mann mit breiten Schultern. Um die 50 Jahre würde ich schätzen. Dick. Kahl. Nur hinter den Ohren kann ich ein paar graue haare sehen. Er trägt eine Blaue Latzhose. In seiner Brusttasche stecken mehrere kleine Schraubenzieher und Stifte. Auf dem Latz der Hose ist ein riesiger dunkler Fleck. Einer von den Stiften muss ausgelaufen sein. Aber das ist bei weitem nicht der einzige Fleck auf seiner Kleidung. Sie ist übersäht mit Spritzern und öligen Klecksen. Als hätte er unter einem Auto herum geschraubt. Mit seinen dicken Fingern bastelt er an etwas herum. Er sieht zu mir auf. Seine Augen sind sehr klein und liegen nah beieinander, so dass sein Gesicht noch größer und runder erscheint als es ohnehin schon ist. Obwohl ich noch einige Meter von ihm entfernt stehe, kann ich die vielen, tiefen Poren auf seiner auf seiner dicken Nase alle erkennen. Seine Unterlippe ist noch dicker als seine Oberlippe und hängt herunter wie ein Tropfen, so dass ich die kleinen Zähne sehen kann. Ich habe den Eindruck als würde die Lippe jeden Augenblick heruntertropfen. „Na, Meister, wat kann ick für dich tun?“ Ich setze mich auf den kleinen Hocker der vor dem Schreibtisch steht und lege meinen Rechten Arm auf den Tisch. Erkläre ihm das Problem. Daraufhin zieht er meinen Arm näher zu sich und lehnt sich zurück um die Schreibtischschublade zu öffnen und fischt eine Augenlupe heraus. Dabei lässt er meine kaputte Hand nicht los. Nachdem er einmal fest auf die Lupe gepustet hatte, klemmt er sie sich aufs Auge und begutachtet meine rechte Hand. Es dauert nicht lang, bis er die Lupe wieder beiseite legt und sich zurück lehnt. Er sieht mich an. „Na die muss ick dabehalten.“
Auf dem Weg nach hause betrachte ich immer wieder den Stumpf. Es fühlt sich genauso an wie vorher. Nur, dass die meine Hand nun nicht mehr an meinem Arm ist. Ich spüre sie noch. Aber sie ist nicht mehr da. Ich bleibe an einer roten Ampel stehen. Neben mir warten zwei Männer mittleren Alters. Sie sind beide gut gekleidet und sehen aus, als hätten sie Geld. Der mit den grauen Schläfen beschwert sich bei seinem Begleiter über die hohen Steuern und darüber wie viel er abgeben müsse. Der andere rät im daraufhin, sein Geld in Immobilien zu investieren. So spare man Steuern, meint er. Ich sehe wieder auf meinen Stumpf. Das Gespräch der beiden macht mich ärgerlich. Ich bin neidisch. Wenn einer der beiden seine Hand zur Reparatur geben müsste, bekäme er in der Zwischenzeit mit Sicherheit eine schöne Ersatzhand, denke ich mir. Es ist grün.
Am nächsten Tag bekomme ich einen Anruf. Meine Hand ist fertig. Ich mache mich sofort auf den weg. In dem Geschäft hat sich nichts verändert. Ich habe sogar das Gefühl, dass sich das angebissene Salamibrot schon gestern auf dem Schreibtisch befunden hat. Die Hand ist Repariert und müsste wieder funktionieren, sagte er mir. Dann fraget er mich ob ich schon mal über ein anders Model nachgedacht hätte und zeigt auf das Regal ganz hinten in der Ecke. Einige Hände liegen darin. Eines der Modelle hat sogar Zähne. Ich lehne dankend ab. Meine Hand sitzt gut. Sie funktioniert. Ich bezahle und wünsche dem Bastler beim verlassen das Ladens einen Schönen Tag.

Reparatur from Anselm Hirschhäuser on Vimeo.

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Napoleon

Der Raum ist nicht besonders groß. Die Decke nicht besonders hoch. An der Fensterseite befindet sich das Buffet. Der Raum ist schlecht beleuchtet. So ähnlich wie amerikanische Krimiserien in den Neunzigern. Da sah es immer so aus, als wäre es Nacht. Obwohl man durch das Fenster sehen konnte, dass es Tag war. Innen brannten dort immer einige Leuchten. Surrealistisch. Wie das Gemälde von René Magritte auf dem ein von Bäumen umgebenes Haus zu sehen ist, das von einer Laterne beleuchtet wird. Es ist eindeutig Nacht. Oberhalb der Baumwipfel ist es jedoch Taghell. Blauer Himmel mit ein paar weißen Wolken.
Ich kann nicht sagen ob das Wetter gut ist. Draußen ist es einfach nur gleißend hell. Aber das licht schafft es nicht in den Raum. In der Mitte stehen Menschen. Eine Traube von Menschen. Sie stehen sehr dicht beieinander und unterhalten sich. Wild durcheinander. Mir gelingt es nicht auch nur einen verständlichen Gesprächsfetzen herauszufiltern. Immer wieder tritt einer der Menschen aus der Traube hervor, geht zur Wand und betätigt den Lichtschalter. Eine Deckenleuchte beleuchtet dann den Raum. Nur wenige Sekunden darauf tut ein anderer das gleiche. Jedoch schaltet dieser das Licht wieder aus. Dieser Vorgang wiederholt sich ohne Unterbrechung. Es ist immer ein anderer aus der Gruppe, der das Licht ein oder aus schaltet. Auf einmal wird der Klangteppich aus Stimmen lauter und unregelmäßiger. Ich kann einzelne Stimmen heraushören die ein neues Regime fordern. Ein neues System. Sie wollen jemanden, der sie leitet. Jemand der ihnen sagt was sie tun sollen, damit sie immer einer Meinung sind. Das ganze Geschehen ist unheimlich. Ich verlasse den Raum und begebe mich nach unten auf die Straße. Es ist Tag. Aber dunkel. Grau. Der Himmel ist einheitlich Grau. Die Gebäude sind grau. Alles ist grau. Mir ist kalt. Ich laufe durch eine Gasse. Am Ende der kleinen Gasse folgt ein großer Innenhof mit vielen Parkplätzen. Ich bleibe noch in der Gasse stehen. Fast jeder Parklatz ist besetzt. Die Autos stehen exakt innerhalb der weißen Markierungen. Im gleichen Abstand zueinander. Als hätte man im Vorhinein genau berechnet wie die Autos stehen müssen und sie dann mit aller Sorgfalt dort positioniert. Die Autos sind Grau. Nicht Alle haben den gleichen Grauton. Manche sind dunkler, einige etwas heller. Es gibt zahlreiche Abstufungen. Aber alle Autos haben die gleiche Form. Nach und nach werden einige der Autos zu Särgen. Immer wieder einer mehr. Auch die Särge haben alle die gleiche Form. Das gleiche Model. Es werden immer mehr. Im Gleichen Abstand zueinander. Gerade und korrekt angeordnet. Jeder innerhalb seiner Markierung. Mir wird schlagartig bewusst, dass das die Opfer sind, die das neue Regime fordert. Es ist unvermeidlich. Nicht aufzuhalten.
Am Rand steht ein kleiner Junge. Er sieht mich nicht. Hält einen Zeichenblock in der Hand und sieht auf die Autos. Beobachtet wie sie zu Särgen werden. Er will es zeichnen. Das was dort auf dem Parkplatz geschieht. Aber er darf es nicht. Das weiß er. Es ist verboten. Er weiß was mit ihm geschehen würde wenn er es doch täte. Er sieht sich um und zieht einen Bleistift aus der Tasche. Setzt die Bleistiftspitze auf den Papierbogen. Zögert. Doch dann zeichnet er. Bis die ganze Fläche gefüllt ist. Er steckt den Bleistift wieder zurück in seine Hosentasche und betrachtet das Blatt. Im gleichen Moment taucht ein älterer Mann im Anzug auf. Seine Haare sind grau. Er führt den Jungen zu einer Tür im Innenhof. Nachdem die beiden in der Großen Stahltür verschwunden sind, betrete ich den Parkplatz um ihnen zu folgen. Gehe das Treppenhaus nach oben. Ich kann fast nichts sehen. Vor einer Tür im obersten Stockwerk bleibe ich stehen. Sie ist nur angelehnt. Durch den Spalt dringt Licht. Sehr langsam drücke ich gegen die Tür. Sie macht dabei kein Geräusch. Der Spalt ist groß genug um meinen Kopf vorsichtig hindurch zu stecken. Niemand. Das Zimmer ist leer. Ich öffne die Tür ein Stück mehr. Schiebe mich durch den Spalt. Ich sehe mich um. Es ist niemand hier. Der Raum ist sehr hell. Ich höre Stimmen. An der Wand zu meiner Linken sehe ich eine Tür. Ganz hinten. Am Ende des Zimmers. Ich presse meinen Rücken an die Wand und schiebe meine Körper ganz langsam Richtung Türrahmen. Ich hoffe, dass der Boden nicht knarrt. Weiter. Immer ein kleines Stück. Nun bin ich dicht genug dran. Drehe meinen Körper leicht um in den Raum sehen zu können. Ein kleines Arbeitszimmer. In der Mitte steht ein Dunkler, schwerer Schreibtisch. Vor dem Schreibtisch der Junge. Neben ihm der Mann. Auf dem Schreibtisch liegt eine Waffe. Eine Pistole. Der kleine Junge wirkt verängstigt und reicht dem Mann seine Zeichnung. Der Mann greift langsam danach und betrachte sie eine Weile. Blickt auf. Legt die Zeichnung behutsam auf dem Tisch ab und sieht den Jungen an. Während er nach der Pistole greift, wendet er den Blick nicht von dem Jungen ab. Ich ziehe meinen Kopf zurück und presse meinen Rücken an die Wand. Der Schuss lässt mich zusammenzucken. Ich habe panische Angst. Höre die schweren Schritte des Mannes näher kommen. Das Adrenalin schießt durch meine Venen. Er hat mich bemerkt. Weiß, dass ich alles beobachtet habe. Ich sehe mich hastig in dem Vorraum um. Die Schritte kommen näher. Eine Waffe. Ich brauche eine Waffe. Ich sehe mich erneut um. Nichts. Eine Vase. Blumen sind darin. Ein Stuhl. Ein Sofa. Eine Kommode. Auf der Kommode eine Büste. Sie ist schwarz. Es ist Napoleon. Sein Blick ist entschlossen. Keine Zeit mehr. Er steht bereits in der Tür. Richtet die Waffe auf mich. Ich springe hinüber zur Kommode, greife nach der Büste. Doch ich hatte das Gewicht unterschätzt. Die Büste fiel zu Boden. Ein Schuss. Kein Schmerz. Kein Blut. Nichts. Der Schuss ging daneben. Ohne nachzudenken nehme ich Napoleon. Diesmal mit beiden Händen. Schleudere ihn an seinen Kopf. Der alte Mann sackt in sich zusammen.

Napoleon from Anselm Hirschhäuser on Vimeo.

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Pille

Erfassen des Transitmoments

Pille from Anselm Hirschhäuser on Vimeo.

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Pferd

Der Boden gibt bei jedem Schritt nach. Er ist weich. Ich denke an die Spaziergänge, die ich als Kind mit meinen Eltern Unternommen hatte. Ich war immer auf der Suche nach den Hochsitzen der Jäger. Es ist nicht der Boden, der mich daran erinnert, sondern der Geruch.¬¬¬ Der Geruch des Waldes. Es wird langsam Dunkel. In der ferne höre ich einen Specht klopfen. Wenn ich nicht bald den Waldrand erreiche, habe ich mich verlaufen. Die Richtung stimmt. Das habe ich im Gefühl. Es riecht nach Tier. Ich habe Angst das Falsche zu tun. Dass es ein Fehler war durch den Wald zu laufen. Ich gehe weiter. Weiter in die Richtung von der ich überzeugt bin, dass sie die richtige ist. Ich laufe schon lange. Ich bin müde. Erschöpft. So sehr, dass es mir schwer fällt die Augen offen zu halten. Mich nicht auf den weichen Boden zu legen und zu schlafen. Laufe weiter. Die Bäume sind hoch. Kräftig. Sie sind mir überlegen. Wichtiger als ich. Ich fühle mich verloren. Fehl am Platz. Der Geruch von Tier wird stärker. Es dringt immer weniger Licht durch die Baumkronen. Ich stolpere immer wieder über eine Wurzel. Ein Wiehern. Dumpf. Ich kann die Entfernung nicht abschätzen. Schnauben und Wiehern. Ein Pferd. Ich folge den Lauten. Nach ein paar Schritten kann ich es sehen. Es steht einfach dort. Mitten im Wald. Das Hinterteil zeigt in meine Richtung. Es ist unruhig. Tritt auf der Stelle. Wiehert. Es klingt fast menschlich. Erregt. Irgendetwas ist da noch. Am hinteren Ende der Tiers. Es ist dunkel. Ich kann nur die Umrisse des erkennen. Ich nähere mich vorsichtig. Ich erkenne, was da noch ist. Erstarre augenblicklich. Ein Körper steckt im Anus des Pferdes. Ein Menschlicher Körper. Nur den Hintern und die Hände links und rechts davon kann ich sehen. Die Beine hängen herunter. Die Füße bewegen sich. Auch die Hände. Manchmal auch das ganze Bein. Nur ein wenig. Ich sehe mich um. Es ist niemand hier. Ich bin allein mit dem Pferd und der Person, die halb darin steckt.

Pferd from Anselm Hirschhäuser on Vimeo.

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Torso

Ein Alptraum

Torso from Anselm Hirschhäuser on Vimeo.